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Unsere Kirchenglocken hört man sogar in Indiens Hauptstadt Neu Delhi!



Sie glauben das nicht? Sie finden, mehr als 6’000 km seien dafür zu weit? Ich erkläre Ihnen, was es damit genau auf sich hat.

Alles begann im Sommer 1991, als ich ein Interrail-Ticket kaufte. Im Hauptbahnhof Zürich fragte mich ein knapp 50 Jahre alter indischer Reisender nach dem internationalen Ticketschalter. Er benötige eine Fahrkarte, um nach Landeck zu Freunden zu gelangen. Auf dem Weg zum Schalter kamen wir ins Gespräch. Spontan tauschten wir die Adressen aus, und ich versprach Kailash, ihm aus Norwegen eine Ansichtskarte zu senden. Das war der Beginn einer langen Freundschaft: Als Lehrbeauftragter und dann Professor für Psychologie an der Universität in Neu Delhi reiste Kailash später immer wieder in den Westen, nach Europa ebenso wie nach Amerika. Wenn er in Zürich einen Zwischenhalt machte, trafen wir uns und ich zeigte ihm die Schweiz: Zürich, den See, das Berner Oberland, das Bündnerland und das Tessin. Kailash war schon immer ein interessierter, offener Geist, ja ein Kosmopolit. Nach seiner Flucht als Kind aus Pakistan gründete sein Vater Schulen in Indien. Kailash schrieb bereits als Jugendlicher ausländische Botschaften an und bat um Bilder und Texte zu ihren Ländern. Er wollte die Welt kennenlernen. Als Wissenschaftler knüpfte er persönliche Kontakte rund um den Globus.

2013 weilten wir ein paar Tage in einem Bündner Bergdorf. Kailash zeigte auf die Dorfkirche und fragte: «Can we go in?» Die Tür war unverschlossen. Kailash setzte sich auf eine Kirchenbank. Durch die offene Tür strömte warmes Abendlicht ins Kirchenschiff. Mit der für Inder typischen Geste legte Kailash seine Handinnenflächen vor der Brust aneinander und neigte dabei den Kopf nach vorn. «Namasté» ist in Indien eine Form der Begrüssung, der Verabschiedung, des Dankens und eine Respektsbezeugung; ursprünglich stammt der Begriff aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich übersetzt «ich verbeuge mich vor Dir» oder «das Göttliche in mir grüsst das Göttliche in Dir». Auch ich setzte mich hin, legte die Hände zusammen. Dann schwiegen wir, Hindu und Christ miteinander. Ein Gefühl spiritueller Verbundenheit wurde spürbar.

Auch 2016, im Herbst, reiste Kailash in die Schweiz, diesmal zusammen mit seiner Ehefrau Mohini. Nach einer Fahrt durch die Schweiz wieder zurück in Zürich, besuchten wir gemeinsam den Basar unserer Kirchgemeinde. Freundliche Menschen zu treffen, im Saal des Kirchgemeindehauses etwas zu essen, die Verkaufsstände, die Kirche und die Orgel zu sehen, das begeisterte Kailash und Mohini. Am Flohmarkt entdeckten sie kleine Schätze. Es hätte mich gefreut, wenn meine indischen Gäste auch gleich unser Kirchengeläut hätten hören können, dieses wuchtige Rufen der fünf Glocken. Weil das am Samstagnachmittag nicht möglich war, filmte ich tags darauf das Geläut mit meinem Smartphone. Das Video stellte ich auf Dropbox, so dass es Kailash, wieder zu Hause in Indien, jederzeit via Internet sehen und hören konnte.

Dazu schrieb mir Kailash einige Zeit später aus Neu Delhi: «(...) By the way, you had sent me the recording of the church bell sounds, which Manan [einer seiner beiden Söhne] was able to download and transfer it as my mobile phone tune. So you see everyday when my phone rings, my associative memory takes me there to Zurich vis-à-vis you.» («Übrigens, Du hast mir die Aufnahme des Kirchengeläuts gesandt, das Manan [einer seiner beiden Söhne] in der Lage war herunterzuladen und als meinen Telefonklingelton einzurichten. Du siehst also, immer dann, wenn mein Telefon klingelt, bringt mich mein assoziatives Gedächtnis hin zu Dir nach Zürich.»)

Das Läuten der Glocken ist ein Zeichen für den Gottesdienst. Das Glockengeläut der Neuen Reformierten Kirche Zürich Witikon geht für Kailash und für mich nun aber noch darüber hinaus. Es ruft uns stets aufs Neue unsere Freundschaft in Erinnerung: ihm, wenn immer ihn jemand anruft; mir, wenn es jeweils schon am Samstagabend den Sonntag ankündigt.
Sehen Sie! Freundschaft und Weltoffenheit (und Technik) machen es möglich, unsere Kirchenglocken sogar in Neu Delhi zu hören. Dass solch freundschaftliche Glockenklänge auch in Resonanzräumen ausserhalb von Witikon schwingen, ist also nicht nur eine Frage der Physik, sondern viel mehr auch eine Frage unserer ganz persönlichen Haltung anderen Menschen gegenüber.

Simon Gerber
Kirchenpfleger


Foto Christine Pfister

 
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