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Monatstext

Italien, Heimat der Musik … oder?



Viele Leute sind überrascht, wenn ich ihnen sage, dass Italien nicht mehr die Heimat der Musik ist – wie es eigentlich bis zum 19. Jh. war. Das ist der Grund, warum ich ins Ausland gegangen bin, um meinen Traum zu verwirklichen: Musikerin zu werden.

Ich bin mit Musik aufgewachsen: Obwohl meine Eltern keine Berufsmusiker sind, gab es zuhause ein Klavier, ein Schlagzeug, ein Saxophon und vor allem eine Stereoanlage, die Opern, Instrumentalmusik- und Kammermusik-Stücke hat erklingen lassen. Deswegen habe ich – seit ich mich erinnern kann – immer Musik gehört und ein Instrument gespielt, so dass ich der Ansicht war, dass alle Leute in meiner Umgebung ihre Zeit mit Musik verbringen.

Als ich in die Grundschule ging, war ich aber das einzige Kind, das private Musikstunden genommen hat. In der Mittelschule waren wir zu zweit: eine Geigerin und ich. Und in der Oberschule waren wir ebenfalls nur zu zweit: eine Pianistin und ich. Meine Freunde hatten «normale» Hobbys, die Jungs etwa Fussballspielen und die Mädchen Tanzen oder Turnen. Niemand von meinen Freunden konnte verstehen, warum ich jeden Nachmittag – auch am Wochenende – meine Zeit zuhause am Klavier oder später in der Kirche an der Orgel verbracht habe, anstatt in den Ausgang zu gehen. Die Situation hat sich nach meiner Sicht dann «normalisiert», als ich aufs Konservatorium gegangen bin und endlich mal junge Leute kennengelernt habe, die ihr Leben auch der Musik gewidmet haben – genau wie ich. Meine Musikwelt ist weiter und grösser geworden, vieles um mich herum hat nach Musik geschmeckt, wie schön!

Aber die Freude hat nicht lange gedauert. Nach meinem Abitur musste ich mich entscheiden, ob ich Karriere in der Musik machen oder ob ich mich an der Uni anmelden wollte. Für mich war die Entscheidung klar: Musik! Mein Orgelprofessor hat mir geraten, um Musikerin zu werden, solle ich unbedingt ins Ausland gehen, wo die Musik- und die Orgeltradition stärker ist. Warum? Ist Italien nicht die Heimat von Corelli, Vivaldi, Verdi etc., die ihrem Land einen guten Ruf in der ganzen Welt eintrugen? Obschon ich das in der Musikgeschichte gelernt habe – irgendwie sind die alten Zeiten vorbei und heutzutage ist man als Berufsmusiker in Italien meistens arbeitslos.

Und so begann meine Reise wegen der oder für die Musik durch Deutschland und führte mich dann in die Schweiz. Mein Orgelprofessor hatte recht, die Musik und ihre Tradition ist im Ausland viel stärker als in Italien. Als Ausländerin war ich fasziniert, wie viel Musik ich überall antraf: Konzerte, öffentliche Generalproben, Gottesdienste mit Musik, Strassenkonzerte ... unglaublich! Total motiviert habe ich angefangen, noch mehr Zeit ins Üben zu investieren, um das Niveau der Musiker aus Deutschland und aus der Schweiz zu erreichen. Schliesslich hat es sich wirklich gelohnt, da ich wegen dieser Reise in der schönen Kirchgemeinde Witikon gelandet bin, wo meine Leidenschaft auch meine Arbeit geworden ist.

Heimat ist für mich der Ort, wo ich als Musikerin arbeiten kann. Danke, Witikon!

Andrea Paglia, Organistin


Andrea Paglia, Foto Luca Nicoli

 
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