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Monatstext

«Die Frömmigkeit darf nicht Striptease machen»



Gerhard Meier

Gerhard Meier, der vor hundert Jahren geborene Poet aus Niederbipp, war Zeit seines Lebens ein Christ. Aber keiner von der aufdringlichen Sorte. Das Hausieren mit frommen Sprüchen war seine Sache nicht. Nicht nur darin fühle ich mich ihm nah. «Das Religiöse ist etwas, wo die Intimität spielen muss. Die Frömmigkeit darf nicht Striptease machen, weisst du, denn der liebe Gott macht es auch nicht, und ebensowenig machen es die Schwalben und Massliebchen. Da muss man behutsam sein.» Dies offenbarte er seinem Freund Werner Morlang im wunderbaren Gesprächsband Das dunkle Fest des Lebens (Zytglogge Verlag, 4. Aufl. 2007). Diese Behutsamkeit ist typisch für den Menschen Gerhard Meier, dem Parolen jeder Art suspekt waren. Sie ist aber in religiösen Dingen auch der Sache angemessen. Denn der christliche Glaube ist nichts, womit man angeben kann: «Ich bin auch so einsichtig zu wissen, dass ein christliches Leben zu praktizieren eine Möglichkeit unter anderen ist, die erst noch mit Gnade zusammenhängt. Man kann sich nicht selber zum Christen machen, sondern muss gnädigerweise vielleicht dazu gelangen dürfen.» Das seien «Formulierungen, die gewissen Leuten in den Ohren kratzen», fügte Meier an. Aber mir geht es gerade so, dass ich das Wörtlein «Gnade» noch selten auf eine natürlichere Weise verwendet gefunden habe als hier.

Es ist ja eine eigenartige Sache mit dem Christsein: Einerseits ist es (zumindest bei den meisten von uns) eine Frage der Herkunft, der Tradition. Wir wurden, wenn nicht in eine christliche Familie, so doch zumindest in einen christlich geprägten Kontext hineingeboren. Andererseits ist das Christsein nicht nur eine Sache der Tradition. Wir können das Christliche zum Beispiel von uns weisen als etwas, das vielleicht zum Leben meiner Vorfahren gehörte, zu meinem aber nicht mehr gehören soll. Wie auch immer – wir können nicht umhin, uns irgendwie zu diesem Erbe, das uns zugefallen ist, zu verhalten. Diesen Zufall anzunehmen und selbst ein christliches Leben zu praktizieren versuchen, das ist nur eine Möglichkeit unter anderen.

An Gerhard Meier beeindruckt mich, dass hier diese beiden Pole – der passivische und der aktivische – so wunderbar in der Balance sind. Er redet von seinem Christsein nicht als etwas, für das er sich aktiv entschieden hat. Aber zugleich ist er nicht einfach Christ, weil «man halt» in Niederbipp in der Regel als Christ geboren wird. Er übernimmt Verantwortung für sein Christsein. «Warum ich mich zu den Christen geschlagen habe», heisst die einzige Predigt, zu der sich der Schriftsteller überreden liess. Es hat ihn nicht einfach zu den Christen verschlagen, er hat sich zu den Christen geschlagen. Und doch klingt etwas vom einen im anderen an. Auch im Aktivischen klingt das Passivische, klingt die Gnade mit.

Die Bergrede am 19. November steht ganz im Zeichen von Gerhard Meier, diesem grossen Sprachkünstler aus der Provinz und seinem Lob der Schönheit der Gewöhnlichkeit.

Christoph Ammann, Pfr.


Gerhard Meier, Niederbipp, November 1996
Foto Loretta Curschellas

 
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