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Leitartikel

Lichter



Wenn die kalten Nächte am längsten sind, ist Licht wichtig wie sonst nie. Es ist kein Zufall, dass die Zeit um die Wintersonnenwende seit jeher die Zeit der Lichterfeste ist. So werden in der zweiten Dezemberhälfte am jüdischen Chanukka-Fest, bei dem man sich an die Wiederweihe des Tempels in Jerusalem erinnert, acht Kerzen entzündet. Der römische Sonnengott sol invictus, die unbesiegte Sonne, hatte seinen Geburts- und Feiertag am 25. Dezember. Und im Gefolge davon wurde in der Spätantike auf den 25. Dezember auch der Geburtstag von Jesus Christus festgelegt, der oft mit der Sonne verglichen wird. Schon früh wurde etwa die Prophezeihung am Ende des Alten Testaments im Buch Maleachi «für euch wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen» auf den Christus bezogen.

Weihnachten als Lichterfest: Die Lichter, die wir an Weihnachten entzünden, sind Legion: die vier Kerzen der Adventskränze, unzählige Kerzen, die an den Fenstern stehen, elektrische Beleuchtungen an Bäumen und Häusern und natürlich die Kerzen des Christbaums. Weihnachten ohne Lichter ist undenkbar, gerade auch für die Leute, denen die christliche Bedeutung des Festes entglitten ist. Licht hat ein grosses metaphorisches Potential, es kann als Symbol für die unterschiedlichsten religiösen, kryptoreligiösen oder esoterischen Vorstellungen stehen und so als Ersatz für den christlichen Inhalt fungieren.
Weihnachten als Lichterfest in der Zeit der Dunkelheit. Die konkreten Lichter – Kerzen und elektrische Lichter aller Art – scheinen gegen die Winternächte an, sollen die lange Dunkelheit erträglicher machen. Das Licht im übertragenen Sinn jedoch: Wogegen scheint es an? Gibt es auch in Bezug auf das Licht des Christus oder das Licht des Herzens, das kosmische Licht – wie auch immer man es versteht –, gibt es auch in Bezug auf dieses Licht eine Dunkelheit, eine Finsternis im übertragenen Sinn, die es verdrängen soll?

Zwar hat wohl jeder Mensch eine Ahnung von «Dunklem» und von «Lichtem», viele könnten es aber nicht ohne weiteres benennen. Oder sie wären ohnehin der Überzeugung, dass die Grauzonen, die diffusen Übergänge dazwischen, überwiegen. Welch ein Unterschied zur biblischen Zeit: «Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.» So beginnt, mit nicht zu überbietender Schärfe, ein Abschnitt im 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums.

Muss es heute darum gehen, solch unbedingte Aussagen noch nachvollziehen zu können? Ich denke nicht. Mir scheint es entscheidender, dass man wahrnimmt, dass die Bibel Helles und Finsteres nicht in ein Gleichgewicht bringt oder dass sie einen nicht im Ungewissen lässt, was letztlich die Oberhand behält. Sondern dass die Bibel eigentlich ein einziges Versprechen ist, dass das Licht heller ist als die Finsternis dunkel. In unserer Erfahrung ist zwar beides da: angenehm und schmerzlich, nicht zu trennen, mit wechselndem Gewicht; wer könnte schon genau sagen, was warum gerade die Oberhand hat? Es gibt Momente, in denen ich davon überzeugt bin, dass mich das Licht von Weihnachten erfüllt: wenn ich etwa, aller Hektik zum Trotz, jemandem zuhören kann. Und genau so gibt es Momente der Ungeduld, in denen ich mich als Finsterling entpuppe.

Was hätten die Verfasser des Johannes-Evangeliums und überhaupt der Bibel dazu gesagt? Womöglich einfach das: Dass das Helle, Lichte angenehm und schön ist, heisst nicht, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Fasse dir ein Herz und nimm das Lichte in deinem Leben ernster als das Finstere. Und lass dich überraschen, was dabei herauskommt.

Erich Bosshard-Nepustil, Pfr.



Foto Christof Pfister

 
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