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Leitartikel


Das Buch der Bücher – und meine Bücher



Haben Sie auch eine Leidenschaft? – Ist es eine, die Leiden schafft, oder ist es etwas, wofür Sie sich sehr begeistern, das Ihr ganzes Herz ausfüllt, etwas, wofür Sie bereit sind zu leiden? Das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache sagt über den Begriff Leidenschaft, dass er eine Lehnprägung zum französischen «passion» sei, was «Leiden» und «Leidenschaft» bedeutet. Leiden wird vor allem mit Schmerzen, Krankheit und Beschwerden in Verbindung gebracht. Und wenn wir an Passion denken, dann fällt uns sicher auch der Leidensweg Jesu ein. Zum ebenfalls verwandten Wort Pathos, welches aus dem Griechischen stammt und auch «Leiden» oder «Leidenschaft» meint, zeigt mir mein «Word Synonym» ein paar bedeutungsvolle Worte: «Ergriffenheit», «Gefühlsregung», «Ausdrucksfülle». Das gefällt mir schon viel besser, denn meine Leidenschaft oder eine meiner Leidenschaften ist das Buch. Aber nicht nur ein Buch, sondern viele Bücher, sogar sehr viele, und es hört nicht auf und scheint kein Ende zu nehmen. Ich gehöre also zu diesen Menschen, die ohne Bücher nicht leben, nicht in die Ferien fahren und schon gar nicht ohne Buch einschlafen können.

Seit nun 1½ Jahren wird meine Leidenschaft gross und immer grösser. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Ausbildung zur Katechetin angefangen. Die Grundlage in der Ausbildung ist ja unsere schöne rote Zürcher Bibel. Leider machen mir die darin enthaltenen Geschichten und Texte immer wieder Kopfzerbrechen, und ich verstehe überhaupt nicht, was ich lese, obwohl dies nichts mit meiner Sehschwäche zu tun hat. Hier gibt es für mich eine Lösung: eine Literaturliste. Eines meiner Lieblingsworte: «Literaturliste». Literaturlisten bereiten mir ein besonderes Vergnügen. Ich bin immer wieder gespannt, wer zu diesem oder jenem Thema auch noch etwas geschrieben hat, woher die Quellen oder die Querverweise stammen. Und dann gesellt sich halt ein weiteres Buch zu den schon vorhandenen.

Ich gebe es zu, es ist eine Bürde. Immer wieder stehe ich vor der Entscheidung: Soll ich mir ein Buch ausleihen oder muss ich es doch besitzen? Und wenn ich dann beginne, ein Buch zu lieben, und es wächst eine Beziehung zu den Worten, dann wird es unersetzlich. Einzutauchen in die Welt der Worte, die sich dann vielleicht zu einer eigenen Phantasiewelt entwickeln und mich aufnehmen in ein fremdes Universum: faszinierend! Mit etwas Glück beginnt sich das Gelesene zu vernetzen, und immer wieder bringen mich dann die Zusammenhänge zum Staunen.

Die Auseinandersetzung mit dem Christentum hat für mich mit dem Buch «Das ewig Christliche» von Rolf Kaufmann vor über 20 Jahren eigentlich erst richtig begonnen. Sein Zugang zu den biblischen Geschichten in einer wunderbaren Bildsprache, mit Symbolen gefüllt und mit dem Ansatz der Tiefenpsychologie von C.G. Jung hat mir grossen Eindruck gemacht und mich seither begleitet. Heute, nach vielen Jahren der Auseinandersetzung freue ich mich ganz besonders, ab dem neuen Schuljahr mit den zukünftigen Zweitklass-Kindern im Unti philosophieren und theologisieren zu dürfen. Die Kinder bekommen so die Möglichkeit, ihr eigenes Gottesbild und ihre eigenen Gotteserfahrungen machen zu können.

Zu fast allen Lebenslagen findet sich ein Buch in meiner Wohnung. Ratgeber aller Art, Krimis, Erzählungen, Märchen, Sachbücher und Fachbücher. Kochbücher finde ich ja ganz besonders freundlich und nützlich. Geht es Ihnen auch so, dass, sobald Sie in einem Kochbuch schnuppern, Ihre sämtlichen Sinne aktiviert werden? Sie schmecken dann das Gericht, die einzelnen Kräuter und Gewürze und riechen den Braten (auch im übertragenen Sinn). Die Farben erfreuen die Augen, und wenn man die Zutaten laut vor sich hin spricht, dann hat sogar das Ohr etwas davon. Beim Lesen kann einem schon einmal kräftig das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Es gab Zeiten, da schlenderte ich mit meiner Tochter über einen Markt, und plötzlich lag da ein Buch, nach dem ich schon länger gesucht hatte. Manchmal dachte ich, dass die Bücher mich finden und ich gar nicht nach ihnen suchen muss. Dieses intuitive Finden von Büchern war dann besonders spannend.

Ja, was wäre meine Welt ohne das Buch, ohne meine Bücher!

Brigitte Ulrich
Sozialdiakonin und Katechetin i. A.



Foto Brigitte Ulrich

 
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