Agenda Anlässe Angebote Was tun bei Über uns Downloads Links  


spacer

Leitartikel

Und führe uns nicht in Versuchung?*



Seit Advent 2017 wird in katholischen Gottesdiensten in Frankreich im Unservater gebetet: «Ne nous laisse pas entrer en tentation.» Ende letzten Jahres hat Papst Franziskus den Ball aufgenommen. Er hat geäussert, die Unservater-Bitte «und führe uns nicht in Versuchung» sei so nicht gut übersetzt. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle. Im Wortlaut: «Ein Vater tut so etwas nicht: ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.» Zuletzt wurde nun die veränderte Version auch in der katholischen und in den evangelischen Kirchen der Westschweiz eingeführt.

Was ist die Grundfrage hinter der Diskussion zwischen den Befürwortern und den Gegnern einer Neuübersetzung? Was besagt der Textbefund?

Der griechische Urtext lässt zwar einen gewissen Spielraum offen, aber er favorisiert die herkömmliche Übersetzung. Das bedeutet: Der Bereich, in den man von Gott nicht gebracht werden möchte, ist dem Unservater gemäss ein Bereich des Bösen; in der Gedankenwelt der Evangelien ist es genau die Macht des Bösen, die die Versuchung zu dem macht, was sie ist. Genauso entscheidend aber ist, wie genau im Unservater die Versuchung ins Spiel gebracht wird. Da ist eben nicht davon die Rede, dass Gottvater den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle, wie es der Papst offenbar formuliert hat. Das Unservater erlaubt uns keinen Einblick in die Machtzentrale eines Gottes, der sich überlegt, ob er den Versuchungsknopf auf seinem Schreibtisch drücken soll oder nicht. Das wäre in der Tat zynisch. Was im Unservater steht, ist einzig unsere Bitte an Gott, uns nicht in Versuchung zu führen. Es geht nicht um eine Alternative, sondern nur um die «Nicht-Versuchung»: nicht um die Aussage eines Dogmatikers über Gott, sondern um unser bittendes Beten zu Gott. Natürlich: Die Formulierung des Unservaters bleibt sperrig. Aber man schafft einen sperrigen Textinhalt nicht dadurch aus der Welt, dass man ihn anders übersetzt. Vielmehr muss man sich mit diesem sperrigen Inhalt auseinandersetzen. Man muss versuchen, sich klar zu werden, warum einen die Verknüpfung zwischen dem Vatergott und der Versuchung stört – oder auch nicht. Es geht also um unsere Lebens-, Denk- und Glaubenserfahrungen, um unser Beten und Bitten.

Wie steht es denn mit der Versuchung? Werden wir, werde ich «versucht»? Mache ich die Erfahrung, dass es mich, immer wieder einmal, dahin zieht, wo ich nicht sein sollte? Dass ich beispielsweise verletzende Worte sage, die ich gar nicht will? Dass ich dazu beitrage, dass Gespräche eine ungute Wendung nehmen und entgleiten, obschon ich mir dessen bewusst bin? Dass ich merke, dass ich Menschen mit meinem Reden und Tun irritiere oder verletze und doch nicht aufhören kann und vielleicht sogar eine gewisse Befriedigung dabei empfinde, jemanden so richtig in den Senkel zu stellen?

Ich für meinen Teil kann bestätigen: Solche und vergleichbare Erfahrungen sind reale Sachverhalte und nicht bloss dogmatische oder biblische Konstrukte. Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass ich den Eindruck habe, nicht selbst zu agieren, sondern gleichsam agiert zu werden. Aber dann muss ich weiterfragen: Wenn nicht ich es bin: Wer sonst ist es, der mich dazu bringt, mich zu schlechten Worten und Taten hinreissen zu lassen, die ich gar nicht will? Es gibt die sprechende Redewendung «vom Teufel geritten werden». Trifft es das? Erfahre ich da tatsächlich so etwas wie ein Böses, das mit Gott ganz und gar nichts zu tun hat? Oder stosse ich selbst da, in meinen Abgründen, doch eher auf Gott? Sind das die Alternativen?

Wie auch immer: An diesem Punkt sind wir wohl tatsächlich bei der letzten Frage angelangt. Glaube ich, hoffe ich, dass sogar meine Abgründe noch etwas mit Gott zu tun haben oder glaube ich das nicht? Glaube, hoffe ich, dass Gott noch mit meinen schlechtesten und dunkelsten Seiten verbunden ist – ohne dass ich sagen könnte, wie und warum – oder glaube ich das nicht? Aber eben: Besser formuliert man diese Frage anders: Kann ich beten «und führe mich nicht in Versuchung» oder kann ich es nicht?

Jesus jedenfalls scheint im Unservater für ersteres plädiert zu haben.

Erich Bosshard-Nepustil, Pfr.


*Überarbeiteter und gekürzter Text der Predigt vom 28. Januar 2018



Foto collusor, pixabay.com

 
Die neue Ausgabe unserer Gemeindeseite ist ab sofort als pdf-Datei online.
mehr...