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Gottvergessenheit? – wahrscheinlich ja, aber ...*

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Es ist offensichtlich: Die christ­liche Religion schwächelt in jüngerer Zeit zumindest in West­europa bedenklich. Die grossen Kirchen verlieren drastisch an Mitgliedern. Natürlich gibt es dafür in jeder der Kirchen auch interne, hausgemachte Gründe: versteinerte Strukturen etwa oder menschliches, missbräuchliches Versagen. Aber vermutlich greift die Entwicklung tiefer. Bei vielen Menschen scheinen nicht begründete Argumente gegen die Kirchen zu dominieren, sondern fehlendes Interesse für die Kirchen. Oder fehlendes Interesse für Gott, auf den diese Kirchen ausgerichtet sind. Für viele ist der christliche Gott belanglos geworden. Gott, der Menschgewordene, scheint vergessen zu gehen.

Wahrscheinlich trifft das Wort «Vergessen» die Sache recht gut. Was in weiten Teilen Westeuropas – nicht überall gleich fort­geschritten, aber überall weiter fortschreitend – geschieht, ist, dass christlicher Glaube gleichsam verschwindet, oft ohne jede Dramatik. Gott wird einfach nicht vermisst. Man kann es sich schon vorstellen: Wenn nicht nur für die Eltern der christliche Gott keine wirkliche Bedeutung mehr hat, sondern auch schon für die Grosseltern, dann wachsen Kinder in einem Milieu auf, durch das Gott im besseren Fall als ein Versatzstück aus der an­tiken Welt oder ein obskurer Ursprung einer Ethik irrlichtert.

Selbstverständlich macht man sich in den Kirchen und den theologischen Fakultäten Gedanken darüber, wie dieser Mega­trend des Vergessens zu verlangsamen, zu stoppen oder gar umzukehren sein könnte. Dabei werden regelmässig zwei aktuelle Gegenbewegungen diskutiert, von denen vielleicht Hilfe zu erwarten wäre.

Zum einen wird angeführt, dass das Christentum zwar in Westeuropa an Bedeutung verliere, in Südostasien und Südamerika hingegen auf dem Vormarsch sei, und es wird überlegt, ob man sich nicht am Christentum, wie es in diesen Weltregionen gelebt wird, ein Beispiel nehmen könnte. Jedenfalls für den evangelischen Bereich dürfte sich dies allerdings als schwierig erweisen: nur schon darum, weil die in Südostasien und Südamerika gepflegte evangelikale und pfingstliche Reli­giosität im (einigermassen) aufgeklärten Westeuropa kaum die Massen für sich einnehmen würde.

Zum anderen – das ist die näher liegende Möglichkeit – hofft man auf die sogenannte «Wiederkehr der Religion» in der säkularen Gesellschaft, wie sie bei uns seit einigen Jahren relativ deutlich zu beobachten ist. Die Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Themen scheint zu weichen, Religion, Spiritualität, beständige Werte und verlässliche Orientierung sind wieder stärker gefragt – vermutlich hervorgerufen auch durch unabsehbare technologische Ent­wicklungen, die zu Verunsicherungen führen. Aber auch in diesem Fall ist es zumindest nicht einfach, von christlich-kirchlicher Seite daran anzuknüpfen. Denn die Religiosität, die da wieder im Entstehen begriffen ist, ist in aller Regel nicht diejenige der herkömmlichen Kirchen. Oft handelt es sich um individualisierte Zusammenstellungen von Elemen­ten aus verschiedenen Religionen und aus der Esoterik, die mit dem christlichen Glauben nicht leicht zu vermitteln sind. Und so fragt es sich, ob diejenigen Leute, die sich für Transzendenz wieder offener zeigen, sich deswegen schon im Dunstkreis der Kirchen bewegen.

Wie weiter mit unserer Kirche? Selbstverständlich ist die aktuelle Entwicklung ein Grund zur Sorge. Gleichzeitig aber kann man sagen, dass man sich um die Kirche deutlich stärker sorgen sollte, wenn sie in ihrem Wesen ein Unter­nehmen wäre: ein Unternehmen, das ein spezifisches Produkt anbietet, oder eine Non-Profit-Organisation, die eine bestimmte Form von Hilfe leistet. Beides ist die Kirche aber nicht. Interessanterweise wird aber trotz­dem davon ausgegangen: Prognosen über den Fortbestand der Kirche, über Mitgliederzahlen und über ihre künftige Ausrichtung scheinen wie selbstverständlich darauf zu basieren, die Kirche sei wesentlich ein Unternehmen oder eine der bekannten Non-Profit-Organisationen, so dass entsprechende Prognosen wie üblich möglich wären. Aber eben: beides trifft für die Kirche nicht zu, weil ihr Zentrum nicht in ihrem Handeln oder ihren Strukturen liegt, sondern unverfügbar ausserhalb von ihr. Die Kirche ist exzentrisch, ihr Zentrum liegt nicht in ihr selbst, sondern bei Gott, beim selbstlos Menschgewordenen, der dort erscheint, wo man ihn nicht er­wartet und sich jeder Prognose widersetzt.

Wie weiter mit unserer Kirche? Wer die Kirche als exzentrische Bewegung versteht, wird die Frage nicht beantworten müssen und sich durch die Offenheit der Frage nicht (allzu sehr) beengen lassen. Sondern? Gerade weil wir nicht der Kirche, sondern Gott verpflichtet sind, sollten wir uns in aller Freiheit und selbstbewusst für die Kirche einsetzen. Wir sollten in aller Selbstverständlichkeit Kirche sein und unsere Arbeit so gut wie möglich tun. Von Gottes Selbstlosigkeit angesteckt, sollten wir Veraltetes hinter uns lassen und vernünf­tige – und zuweilen verrückte – Strategien entwickeln, im Hinblick auf Kirchennahe und immer mehr auch für Distanzierte. Mit profilierter Selbstlosigkeit sollten wir versuchen, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die ihre eigene Religiosität pflegen, und mit solchen, denen Gott vergessen ging.

Erich Bosshard-Nepustil, Pfr.


* Der Text nimmt Überlegungen auf von Prof. D. Dr. Wolf Krötke (Vortrag «Herausforderung: Gottvergessen­heit»; wolf-kroetke.de) und folgt teilweise meiner Predigt vom Karfreitag, 19.4.19.

 
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