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Gottesdienst? Findet statt.

Gottesdienst-Tafel

Heute ein paar Gedanken zum Thema Gottesdienst. «Typisch, der Pfarrer halt», denken Sie sicher. In der Tat sind Gottesdienste ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Ob der Gottesdienst dagegen für das Leben unserer Kirche von vitaler Bedeutung ist, scheint umstrittener als auch schon. Mehr oder weniger offen ist auch in der Zürcher Kirche zu hören, es gebe doch Wichtigeres. Wohlgemerkt: Ich meine nicht die Kritik an schlechten Gottesdiensten. Das Leiden daran ist ja gerade Ausdruck davon, dass einem am Gottesdienst liegt. Nein, ich meine etwas anderes: eine auch unter Pfarrpersonen zu hörende Geringschätzung, die etwa im Rat zum Ausdruck kommt, seine Arbeitszeit doch lieber Wichtigerem zu widmen.

Nun ist es in diesem Klima gar nicht so einfach, als Pfarrer etwas zur Ehrenrettung des Gottesdienstes zu sagen, gerät man doch unweigerlich in den Verdacht, nur die eigenen Pfründe zu verteidigen. Im Sinn habe ich freilich etwas ande­res, denn ich möchte beides behaupten: dass für uns Reformierte der Gottesdienst in der Welt zentral ist und von daher die Bedeutung des Sonntagsgottesdienstes relativiert wird; dass aber der Gottesdienst am Sonntag dennoch von eminenter Bedeu­tung für das kirchliche Leben ist.

Denn das scheint mir nämlich das Spannende zu sein: dass der christliche Glaube nach reformier­ter Überzeugung gerade nichts ist, was sich nur auf eine Stunde am Sonntagmorgen beschränken lässt. Es kommt nicht nur aufs Beten und Feiern an, sondern auch auf das diakonische und seelsorgerliche Handeln der Kirche. Kirche ist immer auch Kirche für andere. Aber es gilt eben auch: So richtig es ist, dass reformierterseits die Idee heiliger Zeiten und Orte radikal relativiert wurde mit der Pointe, Gott im Alltag zu dienen, so falsch wäre es doch, Gottesdienste zusammenzustreichen. Denn Gottesdienste sind das Herz einer vitalen Gemeinde. Der Sonntagsgottesdienst ist nicht nur der Ort, an dem sich (mehr oder weniger) Gleichgesinnte treffen und danach beim Kirchenkaffee ein Stück Heimat erleben. Er ist auch der Ort, wo präsent gehalten wird, was Glaube und Kirche ihrem Wesen nach überhaupt sind. Einer meiner Lehrer an der Uni hat Gottesdienste einmal als «Ernüchterungsveranstaltungen» bezeichnet. Damit meinte er nicht jene Ernüchterung, die sich einstellt, wenn ein schlecht vorbereiteter Pfarrer wieder einmal eine langweilige Predigt hält. Nein, er meinte, dass Gottesdienste uns nicht aus der Welt heraus heben, sondern dass sie uns, wenn alles gut geht, sensibel machen und Kraft geben für das, was im Alltag von uns verlangt ist. Gottesdienste sind der sichtbare Ausdruck davon, dass die Kirche kein Verein ist, der sich, wenn ihm danach ist, auch einen neuen Vereins­zweck geben kann, sondern eine Gemeinschaft, die aus dem Hören kommt. Im Hören auf das, was sie sich nicht selbst sagen kann, sondern immer wieder neu erfahren soll. Ich finde es daher wichtig und schön, dass in Witikon jeden Sonntag auch weiter­hin gilt: Gottesdienst? Findet statt.

Christoph Ammann, Pfr.



Foto: de.wikipedia.org, Insubria/pixabay.com

 
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