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Das Alter der Eltern

Dr. Bettina Ugolini

Die Beziehungen zwischen er­wachsenen Kindern und ihren alten Eltern ist mit zunehmendem Alter und steigender Abhängigkeit ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt. Oft lasten auf beiden Generationen Erwartungen und Hoffnungen der jeweils anderen, die sich nur schwer oder gar nicht erfüllen lassen. Eine gute Beziehung bis zuletzt ist unser aller Wunsch – wie können wir das erreichen?

Wenn Karin Müller als junge Erwachsene in ihr Elternhaus kam, erwartete sie ihre Mutter mit einem freudigen Lächeln und einer warmen Umarmung. Die Gespräche drehten sich hauptsächlich um das Wohl der Tochter, die von ihrer Mutter stets viel Verständnis erwarten konnte. Doch mit zunehmendem Alter veränderte sich die Situation. Heute, zwanzig Jahre später, wirkt die Mutter müde, zerstreut, sie spricht weniger, auch die früher stets blitzsaubere Wohnung wirkt vernachlässigt. Karin Müller merkt, dass die Mutter sich oft wiederholt oder mehrfach die gleiche Frage stellt. Statt eine müt­ter­liche Ratgeberin vorzufinden, muss die Tochter sich bei den Besuchen zunehmend um die Mutter kümmern, deren Haushalt versorgen. Karin Müller fällt es schwer, die ungewohnte neue Situation zu verstehen. Sie wird ungeduldig, ihr Ton der Mutter gegenüber gleicht mitunter dem, den sie ihren Kindern gegenüber verwendet, wenn sie sie massregelt.

Wie kommt es zu einer solchen Veränderung der Beziehung zwischen Mutter und Tochter? Lange Zeit war das Thema in der Psychologie nicht beachtet worden, wohl auch aus dem Grund, weil die gemeinsam verbrachten Jahre beider Generationen noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Durchschnitt 15 bis 20 Jahre betrugen. Heute sind es, nach einer Studie des Sozio­logen Hans Bertram, 50 bis 60 Jahre. Während dieser doch stark verlängerten gemeinsamen Lebenszeit machen sowohl Eltern als auch ihre Kinder komplexe Lernerfahrungen, viele davon unbewusst. Dabei kommen auch Konflikte aus der Anfangszeit der Eltern-Kind-Beziehung zum Vorschein, die sich aufgrund der zunehmenden Hilfsbedürftigkeit der Eltern und der damit verbundenen neuen Verantwortlichkeit der Kinder ihren Eltern gegenüber zeigen können. Dass die Eltern-Kind-­Beziehung immer wieder starken Umbrüchen unterworfen ist, birgt jedoch auch Chancen. Es besteht die Möglichkeit, alte Missverständ­nisse, unglückliche Situationen oder Ungerechtigkeiten – wie die Bevorzugung eines Geschwisters dem anderen gegenüber – be­arbei­ten und im besten Fall auflösen zu können.

Dr. Bettina Ugolini ist Gerontopsychologin und Leiterin der Beratungsstelle «Leben im Alter» am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich. Sie verfügt über langjährige Führungs- und Beratungserfahrung im Alters- und Pflegebereich und ist Dozentin in verschiedenen Weiterbildungsprogrammen innerhalb und ausserhalb der Universität Zürich. Am 4. September wird Dr. Bettina Ugolini aus ihrem Buch «Ich kann doch nicht immer für dich da sein. Wege zu einem besseren Miteinander von erwachsenen Kindern und ihren Eltern» lesen, das sie gemeinsam mit der Journalistin Corne­lia Kazis schrieb. Sie wird dabei die Perspektive der Kinder und diejenige der Eltern mit je einem Beispiel darstellen.

Regina Angermann
Sozialdiakonin


Lesung mit Dr. Bettina Ugolini
Mittwoch, 4. September 2019, 19.00 Uhr, HOCH3, Witikonerstrasse 286

Information: regina.angermann@ref-witikon.ch, 044 381 85 56



Foto: zVg von Bettina Ugolini

 
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