Agenda Anlässe Angebote Arealentwicklung Was tun bei Über uns Downloads Links  

Monatstext: In der Schwebe

Blick zum Grossmünster

Ohne Frage – die Reformation ist ein Geschehen der Geschichte. Obschon für das Verständnis der europäischen Kultur und darüber hinaus von nicht zu unterschätzender Bedeutung, ist die Reformation seit etwa einem halben Jahrtausend vorbei. Dass wir uns jedes Jahr am Reformationssonn­tag ihrer erinnern, dass wir nach ihrer bleibenden Bedeutung für unsere Kirche fragen, ist Zeichen nicht ihrer Gegenwärtigkeit, sondern ihrer Geschichtlichkeit. Auch der in den protestantischen Kirchen jedes Jahr beschworene Leitsatz «ecclesia semper reformanda» – die Kirche ist ständig zu erneuern, zu reformieren – bezeugt auf seine Weise, dass die Reformation selbst mit jedem Jahr weiter im Brunnen der Vergangenheit, der bekanntlich tief ist, entschwindet.

Trotzdem könnte ein zentrales Moment der Reformation auf seine Weise heute, in der Gegenwart durchaus so präsent, so lebendig sein wie damals. Blenden wir in das 16. Jh. zurück. Wie wurde diese Zeit von den Beteiligten wahrgenommen? Wie haben sie sie erlebt, durchlebt? Nach allem, was wir wissen: als eine Zeit des Umbruchs und der Ungewissheit. Luther ist ja nicht mit dem Ziel angetreten, eine neue Kirche mit einem eigenen Profil zu gründen, sondern mit den Reformen Ernst zu machen, die in der römischen Kirche bereits in Gang gekommen waren. Erst durch den Widerstand seiner Kontrahenten wurde er in Richtung neuer, noch unbekannter kirchlicher Formen gedrängt. Er wurde theologisch radikalisiert, ohne zunächst zu wissen, wohin ihn das bringen würde. Gewissheiten des Glaubens, die das Mittelalter hindurch Bestand hatten, wurden brüchig und zerfielen. Luther hat diesen Abbruch offen­sichtlich nicht nur intellektuell verarbeitet, sondern vor allem als tiefe existentielle Krise empfunden.
 
Auch wenn Luther nach vielen äusseren und inneren Kämpfen wieder Boden unter die Füsse bekam, hat er seine Bewegtheit zeitlebens nicht mehr verloren. Entscheidend für uns ist, dass der Grund dafür nicht nur die Unberechenbarkeit der Zeitgeschichte oder Luthers Temperament gewesen sein dürfte, sondern vor allem seine Überzeugung als Christenmensch. Ihr Kern lässt sich so umschreiben: Die Situa­tion des Menschen vor Gott lässt sich nicht im Rahmen eines statischen philosophischen Systems erklären (das bis auf Aristoteles zurückgeht), sondern nur aus der menschlichen Grunderfahrung des vollständigen Ungenügens vor Gott verstehen.

Paulus, der Gewährsmann nicht nur von Luther, sondern überhaupt der Reformatoren, spricht in diesem Zusammenhang von «Glauben» und skizziert die Existenz des glaubenden Menschen als ein Leben in einer eigen­tümlichen Schwebe:
Dies aber sage ich, liebe Brüder und Schwestern: Die Zeit drängt. Darum sollen künftig auch die, die eine Frau haben, sie haben, als hätten sie sie nicht, die weinen, sollen weinen, als weinten sie nicht, die sich freuen, sollen sich freuen, als freuten sie sich nicht, die etwas kaufen, sollen kaufen, als behielten sie es nicht, und die sich die Dinge dieser Welt zunutze machen, sollen sie sich zunutze machen, als nutzten sie sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht. (1. Korinther 7,29-31)

Wie geht solch ein Leben in der Schwebe mit dem Glauben zusammen? Vielleicht so, dass man die Erfahrung, in der Schwebe gehalten zu werden, eben Glauben nennen kann.

Selbstverständlich leben wir nicht mehr in einer akuten Endzeit­erwartung wie Paulus und auch nicht in einer Umbruchzeit wie die Reformatoren. Empfiehlt sich ein Leben in der Schwebe, im Ungenügen sogar, gleichwohl auch für uns? Von Empfehlen kann keine Rede sein, denn es ist fernab von jeder Gemütlichkeit. Jedoch: Es ist ein Leben voller Möglichkeiten und lässt Freiheit erahnen. Insofern ist es attraktiv, verstörend attraktiv. Und als solches will es einfach nicht in dem weit mehr als 500 Jahre tiefen Brunnen der Vergangenheit verschwinden.

Erich Bosshard-Nepustil, Pfr.




Foto: Erich Bosshard-Nepustil

 
Wir suchen eine/n
Pfarrerin/Pfarrer (40%)
mehr...
Die neue Ausgabe unserer Gemeindeseite ist ab sofort als pdf-Datei online.
mehr...