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«tagtäglich»

Neue Kirche, Text «tagtäglich»

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Bis auf weiteres finden Sie hier auf unserer Homepage jeden Tag einen kleinen Beitrag: einen Text, ein Bild, einen Link zu einem Musikstück etc. Diese tagtäglich erscheinenden Beiträge stammen von den Mitarbeitenden unserer Kirchgemeinde und den Mitgliedern der Kirchenpflege. Sie sollen zum Nachdenken anregen, zum Schmunzeln bringen, sie sollen andere Gedanken anstossen.
Bleiben wir – auf unterschiedliche Weise – in Kontakt!

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tagtäglich_9.4.20

zum Gründonnerstag


Am Gründonnerstag gedenkt man in den christlichen Kirchen des letzten Mahls von Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend der Kreuzigung. Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Abendmahl zu feiern.

Entweder versuchen wir uns in die damalige Situation der Jünger hineinzuversetzen, ihre Befürchtungen nachzuvollziehen, die Stimmung des Abschieds liturgisch wieder präsent werden zu lassen. Damit würden wir allerdings das letzte Mahl von Jesus in Szene setzen. Wir würden es – wenn auch mit innerer Beteiligung – aufführen, wie man einen Klassiker aufführt. Ist die Bibel ein Klassiker? Gewiss. Aber darüber hinaus zielt sie in unverblümter Weise direkt auf unsere Existenz und ist insofern alles andere als klassisch. Wenn wir das ernst nehmen, dann kann es nicht beim szenischen Nachvollzug des letzten Mahls Jesu bleiben, sondern wir haben nach seiner Bedeutung für uns zu fragen. Das heisst: Wir können es nicht nachahmen, sondern müssen es interpretieren.

Damit sind wir bei der zweiten Möglichkeit, das Abendmahl zu feiern. Als man in der Alten Kirche das letzte Mahl Jesu zu feiern und damit zu interpretieren begann, ging es um die eine Frage der Präsenz und des Wirkens von Christus in der Welt: «Wie kann Christus hier, bei uns sein, wenn er doch als Mensch nicht mehr hier ist?» Jesus, der Christus, hat die Welt zwei Mal verlassen: als sterblicher Mensch an Karfreitag und als Auferstandener an Himmelfahrt. Die Feier des Abendmahls war der theologische Ort, wo Christus selbst in der Zeit danach in seiner Kirche als Retter präsent war und wo die Glaubenden dessen vergewissert wurden.

Allerdings scheint die Situation demgegenüber heute eine andere zu sein. In unserer Welt ist nicht nur Jesus, der Christus, nicht mehr anwesend. Gott scheint weitgehend zu fehlen. Unsere Kultur ist zwar noch christlich geprägt, aber das Christliche in ihr wird zunehmend zu ihrer Herkunft. Wie unsere Kultur in der klassischen, griechisch-römischen Antike wurzelt, in der Renaissance, der Klassik usw., so wurzelt sie auch im klassischen Christentum. Seit gut zwei Jahrhunderten bringen namhafte Geister das Fehlen Gottes zur Sprache: etwa Jean Paul mit seiner «Rede des Toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei»; oder Friedrich Nietzsche mit seinem berühmten «Gott ist tot. Wir haben ihn getötet.»; oder Ödön von Horváth mit seinem Roman «Jugend ohne Gott». Wie feiern wir in dieser Welt Abendmahl? Wie kann Christus in einer Welt präsent sein, in der man Gott suchen muss? Wenn von einem Fehlen Gottes überhaupt noch die Rede sein kann. Vermutlich muss man pointierter formulieren: Wie kann Christus in einer Welt präsent sein, in der es Gott nicht mehr braucht, in einer Welt, die gut ohne ihn funktioniert?

Wenn mich solche Gedanken beschleichen, nehme ich nicht selten Zuflucht beim Theologen Dietrich Bonhoeffer, der genau heute vor 75 Jahren im KZ ermordet worden ist. Ich lese in seinem Buch «Widerstand und Ergebung» – das bezeichnenderweise auch nicht einfach zu einem Klassiker der Gefängnisliteratur geworden ist. Ich finde bei Bonhoeffer nicht Trost, sondern eine Klarheit und Konsequenz des Denkens, wie sie vielleicht gerade in einer Lebenswelt ohne Gott zustande kommt. Ich lerne von Bonhoeffer, das scheinbare Fehlen Gottes in der Welt nicht nur zu bedauern, sondern theologisch zu deuten. Und ich werde von Bonhoeffer angestiftet, mich dabei auf die Feier des Abendmahls einzulassen als den unverfügbaren Ort, wo die Umwertung aller Werte nicht nur zur Sprache, sondern auch zu den Sinnen kommt. Wo das Leben nicht in der Allmacht zur Geltung kommt, sondern in der Schwachheit. Bonhoeffer schreibt: «Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – ‚als ob es Gott nicht gäbe’. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigen Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit einem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (...)! Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist (...) ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens!»

Erich Bosshard-Nepustil, Pfr.

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Foto: Christof Pfister

 
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