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Bibellektüre 2.0

Lesen am Handy

Zu den Segnungen der Digitalisierung gehört für mich eindeutig, dass auch die Bibel online verfügbar ist. In allen möglichen Übersetzungen, auch in den Ursprachen, sogar als Interlinearversionen, in denen jeweils Ursprache und Wort-für-Wort-Über­setzung parallel gesetzt sind. Das macht Bibellesen im öffent­lichen Raum erheblich einfacher, schliesslich schauen heute doch alle aufs Handy oder auf einen ande­ren Bildschirm. Und damit sind die Zeiten passé, in denen ein neutraler Schutzumschlag weniger die Bibel schützte als mich, die Leserin, die beim Zugfahren einfach lesen und nicht in komplizierte Gespräche verwickelt werden wollte.

Ja, in der Öffentlichkeit Bibel zu lesen, wirkt auf manche seltsam. Dabei gilt sie doch als «Buch der Bücher». Aber natürlich ist die Bibel kein Buch wie jedes andere. Übervoll an alten, aus verschiedenen Epochen stammenden Texten, ist sie alles andere als leicht zu lesen. Sie eignet sich kaum dazu, sie von vorne nach hinten durchzulesen. Ich jedenfalls habe das noch nie gemacht, nicht einmal versucht. Und doch nehme ich sie immer wieder zur Hand, um darin zu blättern bzw. auch einmal digital darin zu «scrol­len».

Besonders anregend finde ich biblische Texte über Texte, Schriftrollen, Bücher. Solche Erzählungen wirken wie ein «Spiegel im Spiegel», surreal und tiefsinnig zugleich. Ich denke daran, wie Mose die erste Niederschrift von Gottes Geboten voll Zorn zerschmettert, als er sieht, wie sich das erwählte Volk ein Bild von Gott gegossen hat. Zwei Kapitel später meisselt er auf Gottes Geheiss hin die Gebote in zwei neue Steintafeln (Exodus 32,19 und 34,1.4). Ähnliches passiert mit der Schriftrolle Jeremias, die einen solchen Wirbel auslöst, dass der König sie verbrennen lässt. Gott befiehlt Jeremia schlicht, eine neue Schriftrolle zu nehmen und alles nochmals aufschreiben zu lassen (Jeremia 36).

Gottes Wort setzt sich also wirklich den Menschen ganz aus, es kann missverstanden werden, auch missbraucht und zerstört. Doch vernichtet die Zerstörung einer Niederschrift nicht das Niedergeschriebene. Die äussere Form des Wortes ist weniger wichtig als das Wort selbst. Deswegen erscheint es mir auch unsinnig, wenn Bibelexemplare besonders wertvoll gestaltet werden, nur um im Bücherregal zu verstauben.

Die Bibel möchte gelesen werden. Zuweilen braucht es Hilfe und Austausch, um zu verstehen, was man liest. Praktisch sind auch Ausgaben mit Querverweisen und einem guten Regis­ter. Seit einiger Zeit ist die «Basis­Bibel» auf dem Buchmarkt, eine Neuübersetzung, die so geschrieben sein möchte, «dass du und ich es verstehen». Wenn ich darin blättere, stelle ich fest, dass sie sich wirklich einfach lesen lässt. Ich entdecke Vertrautes und Neues und lese und lese und lese. Ich habe sie gerne als Buch in der Hand, aber online ist sie natürlich auch verfügbar.

Pfrn. Christine Stark
(Zuerst veröffentlicht in: Forum – Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich, Nr. 5/21.)

Bibelexperimente im November:
Drei Abende mit verschiedenen Zugängen zu biblischen Texten; am 3., 12. und 16. November 2021 mit Pfarrerin Christine Stark.



Foto: StockSnap/pixabay.com

 
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