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Advent ist mehr

Weihnachtsbaum im Zentrum Witikon

Es gehört zu den verlässlichen Gepflogenheiten von ernsthaften Christenmenschen, dass sie sich Jahr für Jahr angesichts der zahlreichen älteren und neueren advent­lichen Bräuche gleichsam reflexartig versichern, dass der Advent «mehr» ist: dass sich der Advent keinesfalls in Weihnachts­märkten und Glühwein, im Kaufen der Geschenke etc. etc. erschöpft. Gleichermassen stösst auf Unver­ständnis, dass der Advent nicht mehr bis zum Advent warten kann. So ernten verlockend geschmück­te Schaufenster lange vor Dezember zumindest ein mildes Kopfschütteln. Was man schon nachvollziehen kann. Ich muss gestehen, dass ich mich auch etwas über den Weihnachtsbaum gewundert habe, der das Zentrum Witikon schon seit Oktober ziert. Kann der Baum überhaupt so lange durchhalten? Und was macht der da? Wartet er? Auf die Leute, die einkaufen? Auf den Samichlaus? Auf das Christkind? Denn irgend­wer müsste doch kommen oder ankommen im Advent – immerhin bedeutet Advent nichts anderes als «Ankunft».

Angesichts dessen ist mir der ketzerische Gedanke durch den Kopf gegangen, ob nicht der liebe Gott in einem Anfall von menschenfreundlicher Pädagogik sich den ganzen glitzernden Adventszauber ausgedacht hat und ihn uns zugesteht, um uns vor dem grundstürzenden Geschehen zu schützen, das eben das «Mehr» des Advents ausmacht: nämlich dass er – also Gott – selbst kommt, ankommt, Mensch wird.

«Gott ist Mensch geworden», das sagt sich schneller, als einem lieb sein sollte. Doch wenn man sich darauf einlässt, ahnt man die Radikalität; und entsprechend oft begangen sind die geistlichen Wege, die um diesen Gedanken herumführen. Man behilft sich etwa damit, dass man zwischen Gott selbst und seinem Sohn un­ter­scheidet, so dass man im Advent «nur» auf die Ankunft des Christus wartet, während Gott selbst der Alte bleiben kann. Oder man weicht ins Ab­strakte aus und verbindet Advent und Weihnacht mit dem Kommen des Gottesreichs, ohne dass man sich darunter etwas Konkretes vorstellen muss.

Aber es hilft alles nichts: Gott selbst kommt, und er kommt wirklich, ganz und kon­kret: Er holt uns nicht irgendwohin ab und man trifft sich nicht auf halbem Weg. Gott wird auch nicht Menschheit, sondern er wird Mensch im einzelnen Menschen Jesus von Nazaret, in einem von uns.

Die Radikalität von Advent und Weihnacht zeigt sich nicht nur in dem, was dadurch neu möglich wird, sondern auch in dem, was fortan aussen vor bleiben müsste. Das ist im Fall von Advent und Weihnacht der allmächtig-königliche Gott im Himmel oben. So gesehen ist sogar in der biblischen Weihnachtsgeschichte selbst der Lobgesang der himmlischen Heerschar «Ehre sei Gott in der Höhe» lediglich ein Reflex der uns zugestandenen, lieb gewordenen Vorstellungen, die uns das Herz doch so warm werden lassen.

Gott kommt, wird Mensch. – Selbstverständlich ist auch dies letztlich wieder eine bildliche Aussage. Gott selbst lässt sich auch sprachlich nicht fassen. Aber diese Aussage zeigt eine bestimmte Richtung an. Sie lässt Gott eben dort vermuten, wo es ärmliche Krippen gibt in dieser Welt und, ja, auch blutige Kreuze.

Erich Bosshard-Nepustil, Pfr.



Foto: Erich Bosshard-Nepustil

 
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